EINE PHILOSOPHIN DES GLÜCKS
Dem Tod ins Auge sehen
* Aus der Sicht des Briefwechsels
Madame Du Châtelet, Brief an Maupertuis, 1734, "Mein Sohn ist heute Nacht gestorben"
BNF, ms fr 12269, folio 34, 37-38, 42-43, 48

1734 stirbt Victor Esprit, das dritte Kind von Herrn und Frau von Châtelet, im Alter von noch nicht einmal einem Jahr nach längerer Krankheit (während der er von der Mutter liebevoll umsorgt wurde). Die Kindersterblichkeit war im 18. Jahrhundert hoch, und nur wenige Familen blieben verschont (die Tochter der Familie du Châtelet, die Herzogin von Montenero, sollte hintereinander ihre sechs Kinder verlieren). Wir besitzen mehrere Zeugnisse des Schmerzes, den Madame du Châtelet bei diesem Verlust verspürte, unter anderem eine Nachricht, in der sie eine Verabredung mit dem berühmten Maupertuis, einem Freund (und zeitweiligen Geliebten) und Mitglied der Académie des Sciences, absagte. Sie sah ihn damals fast jeden Tag, um von ihm hochgelehrten Mathematikunterricht zu erhalten. Die Handschrift von Madame du Châtelet wird in der Handschriftenabteilung der französischen Nationalbibliothek aufbewahrt.

Mein Herr, mein Sohn ist heute Nacht verstorben; ich bin offen gesagt am Boden zerstört. Sie können sich vorstellen, dass ich das Haus nicht verlassen werde. Wenn Sie kommen wollen, um mir Trost zu spenden, werden Sie mich allein antreffen: Ich habe es verbieten lassen, Leute vorzulassen; doch ich fühle, dass es keinen Augenblick gäbe, an dem ich nicht den allergrößten Gefallen daran fände, Sie zu treffen.

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Frau Du Chatelet ; Brief an Abbé Sallier (Übersendung ihres Manuskripts), september 1749
Dieses Dokument ist vielleicht das bewegendste von allen. Am Vorabend ihrer Entbindung, die ihren frühren Tod  verursacht hat, beendete Emilie Du Chatelet unter größter Anstrengung ein hochwichtiges  intellektuelles Werk, nämlich die französische Übersetzung der im Jahre 1685 erschienen Principia Mathematica, das der 1727 verstorbene englische Wissenschaftler Newton auf Lateinisch geschrieben hat, was damals noch die internationale Sprache der Forschung war. Diese Übersetzung wurde mit einem Kommentar begleitet, der nicht nur ein ausgezeichnetes Verständnis von Newtons komplizierten Gedanken widerspiegelte, sondern auch das ständige Bemühen, sie zu aktualisieren, gewissermaβen in dem man die neusten Errungenschaften im Bereich der Mathematik integrierte und sie einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Da sie befürchtete, während ihrer Entbindung zu sterben und ihrer Arbeit zu verlieren, schickte Emilie von Chatelet Anfang  September 1749 dem Abbé Sallier ihr Manuskript, der der Leiter der königlichen Bibliothek (einer öffentlichen Bibliothek, der heutigen französischen Nationalbibliothek, wo man das Dokument immer noch findet),  damit es gut verwahrt ist und wahrscheinlich auch damit es den Lesern zur Verfügung gestellt wird. Dieses Dokument wurde erst 1759 veröffentlicht. Der letzte Brief, der uns von Frau Du Chatelet erhalten bleibt, ist ebenfalls in der Handschriftenabteilung der Nationalbibliothek unter der Rubrik (Folio 4, Fr 12267) aufbewahrt.

„Ich nehme mir die Freiheit, die Sie mir gegeben haben, mein Herr, Ihnen diese Manuskripte zu übergeben, da es mir sehr wichtig ist, dass sie nach meinem Tod erhalten bleiben. Ich hoffe wohl, dass ich noch die Gelegenheit haben werde, Ihnen für diesen Dienst zu danken, und dass meine anstehende Entbindung nicht ganz so unheilvoll sein wird, wie ich es befürchte. Ich möchte sie bitten, diese Manuskripte zu ordnen und in ihre Bestände aufzunehmen, damit sie nicht verloren gehen. Herr von Voltaire, der gerade bei mir ist, teilt Ihnen die herzlichsten Komplimente mit, und ich als Ihre ergebene Dienerin versichere Sie meinerseits meiner aufrichtigsten Gefühle, welche ich für immer haben werde.“


An Abbé Sallier in der königlichen Bibliothek zu Paris.

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* Aus der Sicht des Archivmaterials (fonds Malon de Bercy, AD 94)
 

Document 54 : Doit Monsieur de Bercy à Blot maître tailleur. 25 février 1787 [vêtements de deuil]
Feuillet manuscrit (facture sur les deux rectos). H. : 36 cm ; L. : 23,5 cm
Cote : 46 J 180
 

 

Document 55 : Mémoire de fourniture de deux cerqeuilles de plomb fournis à Madame la Marquise de Bercy par la veuve Gaillard. 19 novembre 1781
Feuille manuscrite (mémoire recto verso). H. : 21,9 ; L. : 16,5 cm
Cote : 46 J 173

 

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Le marquis et la marquise de Bercy moururent à quelques mois d’intervalle, le premier en novembre 1781 à 36 ans, la seconde en décembre de la même année, à 25 ans, presque vingt ans plus jeune qu’Emilie Du Châtelet. L’espérance de vie moyenne au milieu du XVIIIe siècle, même si elle était en progression, atteignait à peine 30 ans.  Ils laissaient deux enfants orphelins, Charles âgé de deux ans, et sa sœur Alexandrine, âgée de dix mois. Les grands parents des deux petits les prirent en charge ainsi que la gestion financière de toute leur vie, à commencer par les frais liés à la mort de leurs parents. Le seul coût des cercueils des deux époux dépasse le salaire annuel d’un bon ouvrier parisien (doc. 55). En outre, dans une famille noble, toute la maison prenait le deuil. Les maîtres devaient pourvoir tous les domestiques et employés en habits noirs. Blot, tailleur pour homme à Paris, présenta ainsi à Nicolas Charles de Malon "Monsieur de Bercy", une facture (ici récapitulée dans un memorandum de 1787) pour l’habillement complet de treize personnes, officiers et domestiques, soit habits, vestes, culottes, le tout pour une somme de près de 750 livres (doc. 54), soit le salaire annuel de dix journaliers agricoles.